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Was ist eigentlich Longevity?

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Die Schildkröte hat es, ein langes Leben oder im neuen englischen Modewort ausgedrückt die «Longevity». In Wikipedia können wir dazu lesen: «Der Begriff beinhaltet im deutschen Sprachgebrauch vor allem Erkenntnisse und Ratschläge zur Verlängerung der menschlichen Lebenszeit, wobei es das Ziel ist, den Alterungsprozess zu verlangsamen, altersbedingte Beschwerden zu vermeiden und vor allem die Lebensqualität bis ins hohe Alter zu bewahren oder gar zu erhöhen. Quantität und Qualität der Lebensjahre sollen gesteigert werden.»

Wünschen wir uns das nicht alle, ein langes Leben in guter Gesundheit? Und mal ehrlich, haben wir nicht alle etwas Mühe damit, älter zu werden und zu erkennen, dass unser Körper sich verändert? Was, wenn wir tatsächlich unserem Leben mehr Qualität und Quantität hinzufügen könnten?

Ein langes Leben zu haben ist auch schon in Texten unsere Bibel ein Thema. Erstaunliches lesen wir im 1. Buch Mose: Adam sei 960 Jahre und der älteste in der Bibel genannte Mensch, Methusalem, gar 969 Jahre alt geworden. Diese Zahlen klingen utopisch. So erstaunt es nicht, dass nach Erklärungen dafür gesucht wurde. Mal ging man davon aus, dass die Zeitrechnung anders war – es wurde mit Mondmonaten und nicht mit unserem heutigen System gerechnet, was das biblische Alter Methusalems auf 78 Jahre verringern würde. Oder die Zahlen werden symbolisch gewertet und sollen eine Achtung des Alters bewirken. Oder die Zahlen werden relativiert und angeraten, sie nicht wörtlich zu nehmen. Daneben gibt es auch realistische Aussagen zum Alter von uns Menschen. In Psalm 90 steht zum Beispiel: «Die Zeit unseres Lebens währt siebzig Jahre, wenn es hochkommt, achtzig.» Eine Erfahrung, die mehr unseren aktuellen Durchschnittswerten entspricht. Es sei hier noch angefügt, dass damals ein langes Leben als ein Segen und Geschenk empfunden wurde.

Longevity – Langlebigkeit, durchaus ein verlockendes Angebot vieler Hersteller von Pülverchen und Nahrungsmittelergänzungen. Ein Traum auch, der bereits von Millionären in den USA verfolgt wird durch einen ausgefeilten Lebensstil mit einem strikten Lebensplan und nicht selten vielen Pillen, die dazu beitragen sollen, dass zumindest das biologische Alter des Körpers verlangsamt oder um ein paar Jahre zurückgedreht wird. Nebeneffekt dieser Bemühungen: das Leben ist voll getaktet und es bleibt keine Zeit mehr zu spontanen Entscheidungen. Auch Genussmomente stehen nicht mehr auf dem Programm. Ob das erstrebenswert ist? Ob das der Sinn des Lebens sein kann, sich nur noch dem Körper und der Langlebigkeit zuzuwenden?

Einigen Menschen auf dieser Erde ist es tatsächlich vergönnt, ein wirklich langes Leben in guter Gesundheit zu verbringen. Darüber berichten die Artikel zu den sogenannten «Blue Spots» auf dieser Erde, an denen Menschen gegen hundert Jahre alt werden und eigentlich ein zufriedenes und einfaches Leben führen ohne Longevity-Tipps. Andere sterben viel zu früh, auch wenn sie gesund gelebt, Sport getrieben und alle möglichen medizinischen Angebote zur Verjüngung des Lebens angenommen haben. Das zeigt mir, das Leben ist zwar von uns gestaltbar, doch am Ende können wir ihm vermutlich kaum aus eigener Kraft mehr Tage hinzufügen. Das Leben ist und bleibt ein Geschenk, das wir täglich neu in Empfang nehmen dürfen. Etwas Kostbares, zu dem wir Sorge tragen sollten. Denn selbstverständlich ist es nicht, dass wir uns am Abend schlafen legen und am Morgen wieder aufwachen. Diese Erkenntnis soll nicht Grund zur Ängstlichkeit sein, sondern uns ermutigen, dass wir wieder bewusster unser Leben leben und unseren Tagen mehr Leben und Tiefe geben.

Ich wünsche Ihnen daher einfach erfüllte Tage und Gottes Segen, der Sie auf Ihrem Weg begleitet.

Pfrn. Natalie Aebischer

Fasten – your seat belt

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Dry January, einen Monat ohne Zucker, Verzicht auf Fleisch, mehr frische Zutaten für die Ernährung – haben Sie Vorsätze für eine gesunde Ernährung gemacht? Einen solchen Vorsatz für beschränkte Zeit umzusetzen ist viel einfacher, statt zu denken: «das mache ich für den Rest meines Lebens». Ein Monat – das geht vorbei, das schaffe ich!

Szenenwechsel: Daniel, an einem fremden Königshof. Hierher wurde er verschleppt im Krieg, diesem König muss er seine Fähigkeiten zur Verfügung stellen, ob er will oder nicht. Er muss dieselben Speisen essen, obwohl seine Religion es ihm verbietet. Als Gefangener hat er dazu nichts zu sagen, doch er weigert sich. Er macht dem König einen Vorschlag: «Lass mich und meine Freunde für zehn Tage unser eigenes Essen zubereiten: frisches Gemüse und Wasser. Danach sieh, ob es uns gut geht». Nach diesem Versuch sehen sie gesünder aus als die andern, sie dürfen mit dieser Kost weiterfahren. Seine Geschichte wird in der Bibel erzählt.

So wie Daniel einen Versuch startete, so starte ich jedes Jahr eine Fastenzeit. Ab Aschermittwoch (dieses Jahr am 18. Februar) bis Ostern verzichte ich auf einige ungesunde Nahrungsmittel und erfahre jedes Jahr, wie gut es mir tut. Fasten ist eine uralte Tradition in vielen Religionsgemeinschaften, es tut gut. Was es mit dem Anschnallen im Auto oder im Flugzeug zu tun hat? Nur das Wort: fasten = englisch: befestigen; deutsch (falls das Wort aus dem Gotischen stammt): festhalten (zum Beispiel an den Geboten der Enthaltsamkeit). Ein Versuch lohnt sich!

Christine Sieber-Feitknecht

Vorbilder

Was sie bewirken können


Kennen Sie den Menschen auf dem Bild? Jugendliche werden diese Frage mehrheitlich mit: Keine Ahnung! beantworten. Viele ältere Leute hingegen werden ihn erkennen. Er war und ist mir ein Vorbild. Als Gymnasiastin wollte ich wie er Medizin studieren und in Afrika helfen.

Albert Schweitzer war Organist und hatte je einen Doktortitel der Theologie und der Philosophie. Er hätte in einem dieser Gebiete Karriere machen und reich werden können. Stattdessen studierte er Medizin und baute mit seiner Frau, die für die Finanzen sorgte, in Lambarene ein Urwaldspital auf. In späteren Jahren erhielt er für seinen Einsatz gegen die atomare Aufrüstung den Friedensnobelpreis. Er wird als guter Mensch verehrt und bewundert.

Menschen, denen wir nacheifern können, sind wichtig. Sie können uns positiv, aber auch schlecht beeinflussen. Ich denke z.B. an die Präsidenten der USA und weiterer Staaten, die mir egoistisch und menschenverachtend vorkommen und trotzdem von Vielen bewundert werden. Sorge machen mir auch die Influencer in den sozialen Medien, die sich den Frauen überlegen fühlen und junge Männer in dieser Haltung beeinflussen oder Gewalt verherrlichen. Auch die Influencerinnen, die den jungen Frauen weismachen, dass nur Schönheit und Glanz wichtig seien, kann ich nicht verstehen.

Ich wünsche mir mehr Menschen, die Freundlichkeit und Hilfsbereischaft vorleben und deswegen zu Vorbildern werden. Die Haltung der „Ehrfurcht vor dem Leben“, die Albert Schweitzer vertrat und lebte und die er auf Jesus zurückführte, ist mir immer noch ein Wegweiser in meinem Tun.

Eva Steiner

Träume sind keine Schäume

Das heutige Baptisterium der Lydia im gleichnamigen Dörfchen in Griechenland
(Foto: Christine Sieber)

Lydia träumte von einem anderen Leben – nur wusste sie nicht, wie das aussehen könnte. Sie konnte sich nicht beklagen: das Geschäft lief gut, ihre Kinder waren gesund, wissbegierig und unternehmungslustig, sie hatte Freundinnen in der «guten Gesellschaft». Aber innerlich sehnte sie sich nach etwas, was sie selbst nicht benennen konnte.

Lydia lebte in Philippi, im antiken Griechenland. Während der letzten drei Monate habe ich mich auf ihre Spuren gemacht und viel Neues gelernt. Sie stammte aus Thyatira in der heutigen Türkei und betrieb einen Purpurhandel. Purpur war damals wertvoller als Gold. Wer wieviel Purpur an seinen Kleidern haben durfte, wurde vom Kaiser reglementiert.

Lydia war nicht (mehr) verheiratet, sie stand aber einer Hausgemeinschaft vor, in der wahrscheinlich Kinder, Sklavi*innen und von ihr abhängige Arbeiter*innen lebten. Am Samstag ging sie jeweils mit anderen Frauen vor die Stadt an einen Fluss, wo sie bei jüdischen Gottesdiensten mitfeierte.

Mich fasziniert an Lydia, dass sie vor 2000 Jahren ein sehr emanzipiertes Leben gelebt hat. Obwohl es viele Unterschiede zu uns gibt (wie z.B. die Sklaverei, die damals «normal» war), hatte sie teilweise dieselben Ängste, Träume und Alltagssorgen wie wir. Ihr Traum ging in Erfüllung, als sie Christin wurde. Mein Traum ist es, einmal ein Buch über sie zu schreiben. Was ist Ihr Traum?

Die wenigen Sätze, die von Lydia in der Bibel stehen, kann man in der Apostelgeschichte, Kapitel 16, Verse 13-15 und 40 nachlesen.

Christine Sieber-Feitknecht

Ich liebe Rätsel

Bild: Pixabay

Ich liebe Rätsel! Natürlich nicht nur die gängigen wie Kreuzworträtsel und SuDoKu, sondern manchmal auch das Finden von Unterschieden oder komplexere Rätsel, die sich in der Suche nach einem Mörder in Krimis oder bei kniffligen Psychothrillern zeigen. Rätseln ist etwas Spielerisches, wobei ich auch noch etwas lernen kann, wenn eigenes Wissen nicht ausreicht.

So kam ich auf die Idee, dieses Jahr am Seegottesdienst im Neuhaus den Mitfeiernden auch ein Rätsel aufzugeben. Passend zum Wetter und der Ferienstimmung vermittelnden Musik der Steeldrums wurden bunte Sonnenbrillen mit dem Logo KGU an der Seite verteilt. Findige Rätselfüchse erraten sicherlich schon dessen Bedeutung: KirchGemeinde Unterseen. Stimmt, aber das wäre doch gar zu einfach. Für die drei Buchstaben präsentierte ich am Gottesdienst mit Taufen eine Auflösung: Kraftvoll Gesegnet Unverzagt. Doch ich war überzeugt, dass da noch andere Auflösungen der drei Buchstaben möglich sind. Also lud ich alle ein, die gerne Rätseln, mir bis Ende Juli ihre Lösungsvorschläge zu schicken. Und es kamen ein paar originelle Vorschläge. Hier die drei Gewinnerauflösungen:

1. Platz «Kunterbunt Gutgelaunt Umgänglich»,

2. Platz «Kirche Ganz Unkonventionell»

3. Platz «Konsequent Gott Umarmen».

Natürlich gab es auch etwas zu gewinnen. Die Jury bestehend aus dem Kirchgemeinderat und den Mitarbeitenden vergab Punkte und wählte so die drei originellsten Lösungen aus. Die GewinnerInnen erhalten nun eine Nachricht und einen Gutschein von unserem Bäcker Mohler. Herzlichen Glückwunsch!

Bild: Natalie Aebischer

Einem Rätsel gleicht auch das Lesen biblischer Texte. Wie bei einem Kreuzworträtsel braucht es zum Entschlüsseln der Bibel auch ein gewisses Mass an Wissen. Besonders wichtig dabei ist das geschichtliche Hintergrundwissen zu den Zeiten, in denen die Texte entstanden sind. Dieses hilft enorm, um die Texte einordnen und deren ursprünglichen Sinn entziffern zu können. Kenntnisse der biblischen Texte und des Aufbaus der Bibel erleichtern das Lösen des Rätsels zusätzlich, denn die meisten Texte enthalten Anspielungen auf andere biblische Texte oder setzen deren Kenntnisse voraus.

Da ich im Studium noch die alten Sprachen gelernt habe, in denen die Texte ursprünglich geschrieben sind, kann ich auch direkt selbst eine Übersetzung eines Textes machen – das braucht natürlich etwas mehr Zeit als das Lesen der deutschen Übersetzungen, aber mitunter lassen sich in den kleinen Nuancen, die sich je nach Wortwahl bei der Übersetzung ergeben, spannende Dinge entdecken. Ein kleines Beispiel: viele kennen sicherlich das Sprichwort «Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf» – ein Wort, das sich aus Psalm 127,2 verselbständigt hat und meint, dass es gewissen Menschen ganz einfach fällt, Dinge zu erreichen. Aber eigentlich heisst es bei genauer Lektüre im Urtext nur: «Den Seinen gibt der Herr den Schlaf»! Gut ausgeschlafen fällt natürlich Vieles leichter, aber eben, die Arbeit muss dann doch selbst gemacht werden und kommt nicht einfach im Schlaf zu uns in den Schoss.

Mit etwas Übung lassen sich also unsere manchmal als verstaubt bezeichneten Bibeltexte auch enträtseln. Lösungen gibt es dabei natürlich Verschiedene. Und sie können durchaus in unserem Alltag aktuell sein oder werden.

Habe ich Ihre Neugier geweckt? Dann fangen Sie doch einfach an zu lesen und zu rätseln – Hilfe finden Sie nicht nur online, sondern auch bei uns vor Ort im Gottesdienst oder in persönlichen Gesprächen…

Ich wünsche Ihnen viel Spass, guten Mut und Durchhaltewillen bei den Rätseln, die sich Ihnen stellen und gute und lebensfreundliche Lösungen.

Pfrn. Natalie Aebischer

Leas Büchertipps für den August

Foto: Unsplash von Monica Yu

Egal ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter, bei mir ist immer Lesesaison – und darum dachte ich, ich empfehle ein paar wirklich tolle Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Sie sind aus ganz verschiedenen Genres, so dass für verschiedene Geschmäcker was dabei ist: 

Joshua – Der kleine Zugvogel von Inka Pabst
Ein besonderes Bilderbuch! Erst beim Lesen habe ich bemerkt, was es für eine ungewöhnliche Geschichte ist. Denn sie nimmt den kleinen Zugvogel Joshua und benutzt ihn als wunderschöne, aber auch traurige Metapher für Sternenkinder. Kinder, die nur allzu kurz bei ihren Eltern und Familien auf dieser Erde weilen, geliebt werden und dann… weiterziehen. 

Megalästig – megalecker – megagesund: 30 Unkraut-Rezepte von Janine Hissel
Ein Buch für alle GärtnerInnen, HobbyköchInnen und alle, die es vielleicht noch werden wollen.
Der Begriff Unkraut ist sowieso nur eine Frage der Definition. Und so bringt das Buch einen neuen (alten) Blick auf drei „Unkraut“Planzen und besticht mit tollen Rezepten.

Pageboy von Elliot Page
Für alle, die gerne Biographien lesen – ein wirklich beeindruckendes Portrait eines Lebens im Rampenlicht.
Die Themen sind teilweise ziemlich heftig, und es geht definitiv unter die Haut. Es zeigt einmal mehr, dass man von aussen nie wissen kann, was hinter einer glitzernden Fassade wirklich passiert.
Und zuletzt noch etwas explizit theologisches, das aber so geschrieben ist, dass es gerade auch für nicht TheologInnen sehr interessant ist!

What is the Bible? Von Rob Bell
Der Untertitel erklärt eigentlich schon alles was man wissen muss: 
„Wie eine antike Bibliothek voller Gedichte, Briefe und Geschichten verändern kann, wie du über alles andere denkst und fühlst.“ 
Auf Deutsch ist es als EBook, auf Englisch als Taschenbuch erhältlich. 

Nun wünsche ich vergnügliche, inspirierende und gemütliche Stunden beim Lesen.

Lea Zeiske

Geschichte einer Rettung

Bild: Eva Steiner

Kennen Sie die Geschichte von Moses wundersamer Rettung aus dem Nil? Ein ägyptischer Pharao beschloss vor mehr als 3000 Jahren, alle Knaben der fremden Volksgruppe, die für ihn arbeitete zu töten. Um ihren Sohn zu bewahren, setzte die Mutter von Moses ihn in einem mit Pech abgedichteten Korb im Schilf des Nils aus. Eine Tochter des Pharaos fand den Knaben und rettete ihn. Mirjam, Moses Schwester erschien „zufällig“ und vermittelte seine Mutter als Amme. Später wurde Moses am ägyptischen Hof erzogen.

Moses war der Anführer des Volkes Israel, das der Sklaverei in Ägypten entfloh. Er sprach mit Gott, bekam von ihm die 10 Gebote, wirkte Wunder und galt als Autor der ersten 5 Bücher der Bibel. Moses begründete eigentlich das Judentum, das Christentum und den Islam.

Dann haben die Bibelforschenden und die Archäologie herausgefunden, dass die 5 Bücher Mose einen Entstehungsprozess von ungefähr 600 Jahren haben. Die Geschichte von Moses Rettung gibt es beinahe wortgleich in früheren Schriften über König Sargon aus Assyrien. Auf einmal ist historisch wenig übrig von der Gestalt des Moses.

Was bleibt also von den Ursprüngen unseres Glaubens? Ich meine viel! Glaube soll weiterbringen, nicht stur sein. Die Geschichte von Moses im Schilfmeer lehrt uns Menschenliebe und listiges Vorgehen gegen Gewalt, wann immer sie entstanden ist. Der Bericht einer Gruppe von Menschen, welche der Sklaverei entfloh und sich Regeln für ein friedliches Zusammenleben gab, erzählt von der Freiheit. Gott übersteigt unser menschliches Verstehen und steht für die Liebe und den Weltfrieden.                                                                                                                                                               Pfarrerin Eva Steiner

Nasenflügelbeben

Foto: Heinz Käser

In seinem Gedicht «Morgenwonne» braucht Joachim Ringelnatz das schöne Wort «Nasenflügelbeben». Aktuell kann ich dieses Beben körperlich nachempfinden, wenn ich unten an der Aare joggen gehe und die Lindenblüten inhaliere. Die kurze Strecke wird mir zur Wohlfühloase, zum Sinneserlebnis, zur Lindenallee …!

Lindenblüten sind Lebenszeichen in Gottes schönem Garten. Sie ziehen Menschen und Bienen in ihren Bann. In der Pflanzensymbolik wird die Linde mit Heimat gleichgesetzt. Anklänge finden sich im alten Liedgut: «Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum. Ich träumt in seinem Schatten so manchen süssen Traum.»

Werden die frischen Blüten in der Pfanne mehrmals kurz aufgekocht, bekommt der Tee eine rötlich goldene Farbe. Werden die Blüten getrocknet, steht im Winter ein Entzündungshemmer frei Haus zur Verfügung.

Lindenblüten sind ganzheitliche Medizin: der Duft für die Nase, die Farbe fürs Auge und der Tee fürs Herz. Sie fördern Herzwärme, Augenschmeicheln und Nasenflügelbeben.

Heinz Käser, Sozialdiakon

Steine uf üsem Wäg

Foto: Pixabay

Ändlech isch Oschere da. Mi dünkts, es sig dieses Jahr lang gange, bis mir ds Cho vom Läbe und vom Liecht i däm fröidvolle Fescht hei dörfe finde. Guet, i de Läde isch Oschtere scho lang sichtbar. Scho im Februar hani die erschte Osterhase und Oschtereier gseh. Aber ds Gfüehl vo Oschtere, dass isch für mi ersch itze eso richtig ufcho, wo d Blueme föh afa spriesse. Böim ihres saftige Grüen überchöme und die nöii Oschtercherze es erschts Mal het dörfe brönne.

A Karsamschtig isch mir e Text i d Finger cho, wo mi sithär begleitet. D Margot Bickel het gschribe:

Auf dem Weg nach Golgotha,
auf dem Gang nach Canossa,
auf allen Wegen liegen Steine,
Felsblöcke,
Ecksteine,
Kiesel
zum Werfen und Stolpern.

Auf dem Weg nach Golgotha,
auf dem Gang nach Canossa,
auf allen Wegen liegen Steine,
die uns zwingen langsamer zu gehen,
anzuhalten,
gestürzte zu stützen;
nach dem eigenen Fall
das Aufstehen wieder zu lernen.

Auf dem Weg nach Golgotha,
auf dem Gang nach Canossa,
auf allen Wegen
liegen Steine
im Weg.

Steine süme immer wieder üse Wäg. Mängisch lige sie diräkt vor üs. Mängisch finde eso chlini eckligi Dinger dr Wäg i üsi Schueh und mir müessse e Pouse ilege, für dä chli Plaggeischt los z wärde. Mängisch sis grossi Chempe, wo vor üs lige. Sie zwinge üs, e Wäg drüber oder drumume z sueche, we sie z schwär sy, für üs zum usem Wäg ruume. Mängisch strouchle mir ou eifach überne Stei, wo fräch e chli usem Bode luegt und mir lande uf dr Nase.

Steine ufem Wäg – Bilder für Useforderige i üsem Läbe, wo mir nid gsuecht hei, wo aber plötzlech uftouche und üs ds Läbe ghörig schwär chöi mache.

Eso e Stei isch a Karfritig ou Jesus i Wäg gleit worde. Sie Wäg het schinbar ufghört. Sis Läbe isch schinbar begrabe gsy düre gross Fels vorem Grab. Aber da isches Oschtere worde und dr Stei isch wäggwälzt worde. Ds Liecht het dr Wäg i ds Dunkle gfunde. Ds Läbe het dr Tod besiegt. E wunderbari Erfahrig. U so nime i d Hoffnig und ds Vertroue vo Oschtere ou mit uf mi Wäg. E Hoffnig und es Vertroue, wo mir seit, dass egal, wie gross dr Stei isch, wo mi Wäg versperrt und mi am Witercho hinderet, s e Wäg git, wo witerfüehrt und mi dä Stei laht la überwinde. Vilech bruchts e grössere Umwäg, vilech muess i mi astränge und chlättere, vilech bruchts vil Chraft und Usduur, vilech muess i ou lehre, Hilf aznäh vo öpperem, dermit i dä Stei cha überwinde, aber jede Stei, so isch d Hoffnig und ds Vertroue, wo mir Oschtere mitgit, laht sich usem Wäg ruume oder umgah. Das geit nid ohni Schwierigkeite. Das geit nid müehelos und vo sälber. Nei, ou Gott ruumt mir dä Stei nid eifach usem Wäg. Aber är isch bi mir. Sini Chraft stercht mi bim Ufstah, hilft mir ou anderi z stütze, wo e Stei zum Strouchle bracht het und laht mi nid verzwifle. U wär weiss, vilech finde mir ou chline, koschtbari Steine, wo üs wäder zum Stolpere noch zum Wägwärfe bringe, sondern i üsem Hosesack zumene tröiie und Chraft schänkende Begleiter wärde.

I wünsche öich e gsägneti Oschertzyt und Oschtererfahrige immer denn, wenn e Stei öich dr Wäg versperrt.

Natalie Aebischer, Pfarrerin

Ein Lächeln zum Weiterreichen

Frühling, Passions- und Fastenzeit, Zeit vor Ostern. In den Fastenbriefen von Andere Zeiten, die ich mir jeweils für diese Zeit bestelle, habe ich ein wunderschönes Gedicht von Otto-Heinrich Kühner gelesen:

Pummerer, in morgendlich heiterer Ruh,
Lächelte seinem Nachbarn Mommer zu.
Dieser, durch das Lächeln ebenfalls heiter,
Gab es an den Strassenbahnfahrer weiter,
Der an die kleine Verkäuferin und die
An Herrn Degenhardt von der Drogerie,
Dieser an Schwester Elke vom Kinderhort,
Diese an die Toilettenfrau – und so fort.
So kam es schliesslich irgendwann
Spätnachmittags am Schillerplatz an
Bei einem im Augenblick traurig-tristen,
Durch das Lächeln doch erheiterten Polizisten,
So daß der, als Pummerer den Verkehr
blockierte,
Den Verstoß nur mit einem Lächeln quittierte.

Mir hat dieses Gedicht jedenfalls sofort ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert.

Die Resilienz-Forschung belegt, dass dieses Gedicht stimmt. Vielleicht kommt das Lächeln nicht direkt zu einem zurück, und sehr wahrscheinlich reicht ein Lächeln im realen Leben nicht, um einer Verkehrsbusse zu entkommen, aber ein Lächeln nützt immer. Sogar ein künstliches Lächeln am Morgen, wenn man vielleicht noch gar keine Lust dazu hat, ein Heraufziehen der Mundwinkel vor dem Spiegel, löst Glückshormone aus. Wenig Aufwand, grosse Wirkung.

Die Bibel sagt: «Ein fröhliches Herz macht ein fröhliches Gesicht» (Sprüche 15,13) – ich kehre den Spruch um und sage: «Ein fröhliches Gesicht macht ein fröhliches Herz»

Probieren Sie es aus!

Angaben zum Gedicht: Ein Lächeln zum Weiterreichen, Gedicht von Otto-Heinrich Kühner, Aus: Pummererverse oder vom Nutzen um Haaresbreiten. Ullstein GmbH Verlag, Berlin, 1981
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Brückner-Kühner, https://brueckner-kuehner.de/