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Studienreise zur Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe

Was die weltweite Kirche von deutschen Kirchen lernen kann #evrefK22

von Andreas Anderfuhren

Statements deutscher Akteure kommen mir an der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe recht forsch und herausfordernd vor. Schon für meine schweizer Ohren – mehr noch für orthodoxe Zuhörende. Was diese deutschen Stimmen aber gemacht haben – sowohl von kirchlicher als auch von politischer Seite her: Sie fingen mit einem Schuldeingeständnis an. Was für einen Unterschied das macht! Es rückt die ganze Aussage in ein anderes Licht. Man kann etwas Hartes und Herausforderndes ganz anders sagen, wenn man damit anfängt, was man selbst falsch macht und wo man selbst umkehren muss. Zuhörende können besser daran anknüpfen.

Das ist zutiefst christlich! Wir wissen: Ein guter Weg in die Zukunft muss mit Umkehr anfangen – metanoia. Das wissen auch Orthodoxe. Umkehr spielt eigentlich in der orthodoxen Theologie eine zentrale Rolle. Manchmal scheint es, dass sie jedoch rein geistlich gefüllt wird – und weniger Niederschlag im praktischen, politischen, Leben findet. Wenn es gelingen würde, mehr am Wert von Umkehr anzuknüpfen – könnten wir ganz anders miteinander reden. Dann könnten die zukünftigen Gespräche mit und zwischen Orthodoxen ganz anders ablaufen.

Auch bei Statements von Akteuren zum Nahost-Konflikt hat mir diese Haltung gefehlt. Vielleicht wäre der recht konfrontative regionale Abend der Nahost-Delegationen des ÖRK anders – produktiver – verlaufen, wenn die Sprechenden dem Beispiel der deutschen Stimmen gefolgt wären: Anfangen mit einem Eingeständnis der eigenen Schwäche und dem Willen zur Umkehr.

Impression aus der Studienreise

Rückblick auf die erste Hälfte der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe

von Eva Steiner

Nach einer ersten Phase des Zurechtfindens und der Orientierung faszinierte mich von Beginn weg die besondere Stimmung auf dem Gelände der Vollversammlung. Sei es am Rande eines Anlasses, sei es beim Anstehen fürs Essen, sei es an einem der Esstische – überall kann ich mit Menschen aus der ganzen Welt ins Gespräch kommen. Dieser persönliche Austausch ist sehr befruchtend und geht vielfach auch ins Persönliche über.

Einen ganzen Tag an den Plenarveranstaltungen teil zu nehmen empfinde ich als anstrengend. Es gibt häufig lange Einleitungen oder Selbstdarstellungen der eigenen Kirche, die sicher teilweise sinnvoll sind, es aber erschweren, dem Vortrag bis zum Ende konzentriert zu folgen. Auf der anderen Seite kann eine einzelne kurze Rede zu einem Höhepunkt werden: So das Grusswort der Muslima Azza Karam, die über die Liebe Jesu Christi sprach, die universell sei und deshalb auch für sie gelte. Sie ermahnte uns eindrücklich, diese Liebe in Taten zu leben.

Reden, feiern, beten, singen

Gespräche sind das eine, gemeinsam zu feiern, zu beten und zu singen das andere. Die Morgenandachten berühren mich sehr. Sie finden – mit Übersetzungen in Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch – in den Sprachen der anwesenden Teilnehmenden statt und das sind Viele. Zudem kann die unterschiedliche Art, eine Andacht zu feiern erlebt werden. Und am Schönsten ist es, Lieder aus der ganzen Welt mit einer guten instrumentalen und chorischen Begleitung zu singen. Ich finde es berührend, den freudigen Ausdruck in den Gesichtern der Dirigierenden zu sehen, wenn die Versammlung ein Lied aus ihrer Heimat singt.

In den Workshops begegne ich den Problemen, mit denen die Kirchen in ihren Ländern zu kämpfen haben in persönlichen Berichten von Menschen, die sich engagieren. Es ist schwierig und belebend zugleich. Schwierig, weil mir immer wieder bewusst wird, wie wenig ich einerseits zur Verbesserung der Lage bei ihnen beitragen kann und wie gross andrerseits der Anteil der sogenannt «westlichen Welt» an ihren Schwierigkeiten ist. Belebend, weil die vielen kleinen Initiativen zur Förderung der Frauenarbeit oder zur Bekämpfung der Wasserknappheit beispielsweise mir auch Mut machen und mir zeigen: Es bringt etwas, es gibt Menschen, die mit grossem Einsatz etwas verändern.

Das Angebot an Veranstaltungen und Kultur an der Vollversammlung und an weiteren Orten in Karlsruhe ist riesig, für mich besteht die Gefahr, mich zu verzetteln. Das Wochenende bot nun Gelegenheit, die Erfahrungen zu reflektieren. Der Ausflug ins Kloster Maulbronn war eine schöne Abwechslung und bot Gelegenheit in wechselnden Gesprächen unsere Gruppe besser kennen zu lernen.

Nun freue ich mich sehr auf den zweiten Teil der Volllversammlung.

3. Tag der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe

Europa und der Ukrainekonflikt

von Bernd Berger

Der Freitag stand unter dem Thema Europa und im Zentrum war die Diskussion über den Ukrainekonflikt. Vor dem Plenum gab es ein mit standing ovations bedachtes Grusswort der Generalsekretärin von Religions for Peace Prof. Azza Karam. Sie unterstrich, dass die Liebe Christi nicht nur den Christ:innen gilt, sondern allen Menschen, auch ihr als Muslima und sie bat die Versammlung, alles dazu beizutragen, dass Krieg keine Option sein darf.

Nach der Rede von Bundespräsident Steinmeier und der harschen Verlautbarung der Delegation der Russisch-Orthodoxen Kirche, die Steinmeier Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten vorwarf, durfte man auf die heutige Plenarsession gespannt sein. Der geschäftsführende Generalsekretär Prof. Ioan Sauca hatte ja zu Beginn der Versammlung betont, dass der ÖRK niemand ausschliesst, sondern eine Plattform des Dialogs ist, ein «safe space» und gleichzeitig die Teilnehmenden aus der Ukraine herzlich begrüsste und den russischen Angriffskrieg mit klaren Worten beim Namen nannte.

Humanitären Aufgaben der Kirchen

Wer im Plenum einen Dialog zwischen Vertretern aus der Ukraine und Russland erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Bühne der Schwarzwaldhalle wäre dafür sicher auch kein geeigneter Rahmen gewesen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Dialog im kleinen Kreis am Rande der Versammlung möglich wird und Schritte der Annäherung gegangen werden. Im Plenum kamen dafür Vertreter:innen aus der Ukraine zu Wort, die uns eindrücklich auf ihr Schicksal und die humanitären Aufgaben der Kirchen hinwiesen. Man darf diesen Entscheid, auf die Stimme der Opfer zu hören, durchaus als klare Stellungnehme des ÖRK zugunsten der Opfer dieses Konflikts und gegen die russische Aggression verstehen.

Podiumsdiskussion im Swisshub

Im Swisshub der EKS fand eine Podiumsdiskussion “Being Protestant in Europe today, contributing to reconciliation and unitity” statt. Engagiert diskutierten Annette Kurschus, Präses der EKD, Emmanuelle Seyboldt, Präsidentin der Eglise Protestant Unis de France und die Präsidentin der EKS Rita Famos miteinander und stellten sich den Fragen des Publikums. Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die Rolle der Kirche in den drei Ländern ist, mit welchen gemeinsamen Herausforderungen sie aber auch konfrontiert sind.örk tag 3-1

Plenumsdiskussion im Swisshub der EKS

2. Tag der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe

Klimagerechtigkeit und die Situation im Nahen Osten

von Bernd Berger

Vielstimmig, vielsprachig und bunt – die Gottesdienste an der Vollversammlung sind ein Erlebnis. Sie vermitteln eine Ahnung des Pfingstgeistes. Berührend war heute eine Zeremonie, in der Vertreter:innen aller Weltgegenden Wasser in ein Becken schütteten. Abgeschlossen wurde die Zeremonie mit den Worten: «Wir werden ernährt, versorgt und miteinander verbunden. Wir sind angewiesen auf alles Leben auf unserem Planeten. Wir sind durch die Taufe in Christus vereint. Wir sind gereinigt. Wir sind gesegnet.

Das thematische  Plenum stand unter dem Thema “The purpose of God’s love for the whole creation – reconciliation and unity”. Im Zentrum standen Fragen der Klimagerechtigkeit und die Situation im Nahen Osten.

«Macht mit» statt «Macht über»

Hyunju Bae aus Korea legte in ihrer Bibelarbeit Mt 9,35-38 aus. In der Zürcher Bibel heisst es: Als er (Jesus) die vielen Menschen sah, taten sie ihm leid. Die Lutherbibel übersetzt «es jammerte ihn». Die englische Übersetzung «he had compassion with them» bringt viel deutlicher zum Ausdruck, worum es an dieser Stelle geht. Bae führte uns vor Augen, wie zentral compassion/Mitgefühl für das Verständnis Jesu ist und zeigte auf, dass compassion eine wichtige Führungsqualität ist. Die Nachfolge Jesu führt zu einem Bewusstseinswandel. Statt einer «Macht über» brauchen wir eine «Macht mit», die von Anerkennung und Respekt geprägt ist gegenüber allen Geschöpfen Gottes. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. In der ökumenischen Bewegung ist in letzter Zeit von einer «Ökumene der Herzen» die Rede. Ein hilfreiches Leitbild für die gemeinsame Nachfolge auf dem Weg des mitfühlenden Jesus.

Am Abend des 2. Versammlungstages trafen sich die unterschiedlichen Konfessionen, die Reformierten unter dem Dach des Reformierten Weltbundes. Es war ein eindrückliches Zeichen reformierter Vielfalt und weltweiter Verbundenheit. In diesem Rahmen wurde der ehemalige Generalsekretär des Reformierten Weltbundes Jerry Pillay aus Südafrika für sein neues Amt als Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen gesegnet und mit einer Bibel geschenkt. Pillay zeigte sich sehr gerührt von dieser Zeremonie. Er dankte für das Geschenk und meinte, es könne für einen Reformierten kein passenderes Geschenk geben als Gottes Wort.

1. Tag – Start der Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe

Eröffnungstag

von Bernd Berger

Nach über 50 Jahren findet wieder eine VV des ÖRK auf europäischem Boden statt. Dass der Tagungsort Karlsruhe meine Heimatstadt ist, freut mich natürlich besonders. In der Schwarzwaldhalle habe ich mein erstes grosses Konzert besucht (Uriah Heep). Nun treffen sich in Karlsruhe rund 4000 Christ:innen aus aller Welt, rund 850 sind Delegierte der Mitgliedskirchen, die in diesen Tagen wichtige Entscheidungen über den weiteren Kurs des ÖRK treffen und den Zentralausschuss wählen.

Am Eröffnungstag sprachen die Moderatorin des Zentralausschusses des ÖRK Dr. Agnes Abuom und der geschäftsführende Generalsekretär Prof. Dr. Ioan Sauca. Sauca betonte in seinem eindrücklichen Bericht, dass der ÖRK eine Plattform des Dialogs sei und schilderte die Bemühungen des ÖRK, die russisch-orthodoxe Mitgliedskirche in einen kritischen Dialog zu bringen. Besonders herzlich wurden die ukrainischen Teilnehmenden begrüsst. Im Blick auf den Palästinakonflikt unterstrich Sauca, dass der ÖRK sich entschieden gegen Antisemitismus wende, jedoch Menschenrechtsverletzungen und Unrecht gegen die palästinensische Bevölkerung beim Namen nenne. Er berief sich auf den Dialog mit den Christ:innen in der Region und mahnte zu Vorsicht und Besonnenheit und wandte sich gegen eine Gleichsetzung der israelischen Politik mit der Apartheid.

Heisse Eisen an der ÖRK

Zu Gast war auch der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der als aktives Mitglied der reformierten Kirche in seinem Grusswort eindrücklich das Logo der Vollversammlung thematisierte und mit seinem Aufruf, sich gegen jede Form des Antisemitismus klar zu positionieren, eines der heissen Eisen der Versammlung und den deutschen Kontext ins Spiel brachte. In sehr deutlichen Worten drückte Steinmeier die Solidarität mit der Ukraine aus, verurteilte den russischen Angriffskrieg und den Missbrauch des christlichen Glaubens durch die Führung der russisch-orthodoxen Kirche. Man solle sich durchaus als Plattform des Dialogs verstehen, dürfe dem Dialogpartner aber unangenehme Wahrheiten nicht ersparen. Man darf gespannt sein, wie die weiteren Diskussionen auf der Vollversammlung zu diesen Themen verlaufen werden.

Ein eindrückliches Erlebnis war der Eröffnungsgottesdienst. Das bunte Miteinander von Christ:innen und Christen aus aller Welt, die miteinander singen und beten, hat sich mir eingeprägt und die Vorfreude auf die Gottesdienste und Bibelarbeiten der kommenden Tage verstärkt. Dass er ein buntes Potpourri war und ziemlich lange dauerte, war zu verschmerzen.

Spannende Plenumsveranstaltungen

Gespannt bin ich auch auf die thematischen Plenumsveranstaltungen. Wie wird hier in Karlsruhe über den Ukrainekrieg diskutiert werden? Wie wirkt sich der deutsche Kontext auf die Diskussionen zu Israel/Palästina aus? Welche Rolle werden Fragen des Postkolonialismus oder Genderthemen spielen? Was können die Kirchen gemeinsam zur Klimagerechtigkeit beitragen? Oder zu den brennenden Themen weltweiter Gerechtigkeit? Was heisst Einheit der Kirche heute und welche Einheit wollen wir anstreben? Und vor allem: kann das Thema der Vollversammlung «Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt» uns geistlich stärken und ermutigen, unsere christliche Verantwortung in dieser Welt wahrzunehmen und uns dabei untereinander respektvoll und geschwisterlich darüber zu verständigen, wozu die Liebe Christi uns bewegt?

Bewegt von diesem Auftakt erwarte ich neugierig und gespannt auf die kommenden Tage.

Studienreise zur Vollversammlung des ÖRK in Karlsruhe

Vom 31. August bis 8. September findet in Karlsruhe die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) statt. 20 Pfarrer:innen werden im Rahmen eines Kurses von pwb daran teilnehmen und ihre Eindrücke und Erfahrungen im Blog teilen.

30. August 2022 – von Bernd Berger

Die Vollversammlung des ÖRK findet etwa alle 8 Jahre statt (zuletzt 2013 in Busan). In Karlsruhe steht sie unter dem Motto «Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt». Rund 3500 Christ:innen aus aller Welt – Delegierte und Gäste – werden sich in Karlsruhe treffen. Damit zeigt die Vollversammlung ein Bild der Diversität der weltweiten Christenheit.

Im Booklet zur Vollversammlung heisst es: «Direkte Inspirationsquelle für das Thema «Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt» ist 2.Korinther 5,14. Es beruht auf dem zentralen Aspekt des Evangeliums, der der Welt die Tiefe und das Wunder der Liebe Gottes, der heiligen Dreifaltigkeit, aufzeigt. Es ist verwurzelt in der göttlichen Absicht von der Einheit und Versöhnung aller, einer Absicht, die durch die Fleischwerdung der Liebe Gottes in Jesus Christus für uns sichtbar gemacht wurde.»

Wertvoller Kompost

Foto: www.sehen-und-handeln

Kurz vor den Sommerferien hatte ich enorm viel zu tun, so dass mein grosser Garten hintanstehen musste. Stress ist etwas Positives, weil er uns beflügelt und oft zu guten Leistungen treibt. Wenn er jedoch zu hoch wird, entsteht daraus Überforderung. Trotz Überstunden und Nachtschichten hatte ich das Gefühl, dauernd hinterherzurennen und doch zu spät zu sein. An einem halbwegs freien Nachmittag beschloss ich dann, endlich den Kompost im Garten umzusetzen, ein Projekt, das seit dem Frühling auf der inneren «To-do» Liste stand. Während der körperlich anstrengenden Arbeit hatte ich Zeit, meine Gedanken schweifen zu lassen. Ich kann nicht sagen, dass ich dabei völlig zur Ruhe kam, aber was vorher unübersichtlich und unlösbar schien, erhielt ein wenig Struktur, es taten sich Lösungsansätze auf. Ich war nicht mehr nur ein Spielball in einem gemeinen Flipperkasten, der mich mutwillig hierhin oder dorthin spickte, sondern ich konnte mein Schicksal wieder selber in die Finger nehmen.

Mit dem Umsetzen des Komposts gewann ich nicht nur wertvolle Erde für meinen Garten, sondern auch wertvolle neue Ideen. Solche Aus-Zeiten wünsche ich uns allen immer wieder.

Christine Sieber

Talitha Kum – Mädchen steh auf!

Bild: Cheriyan Varthese

Dieses wunderschöne Bild kommt aus Malaysia, es stammt von der Künstlerin Cheriyan Varthese und entstand für den Weltgebetstag.
Das Bild nimmt Bezug auf die Geschichte, in der Jesus die Tochter des Jairus vom Tod erweckt.
Jesus hat die Menschen auf – ge – stellt und ihnen Mut gemacht.
Mit einem Wortspiel wird klar, was das Bild ausdrücken und Jesus uns sagen will:
Zuerst wird die Frau abgewertet und immer weiter zu Boden gedrückt:
1) Das gehört sich nicht –  2) Denk an deine Pflichten –  3) Misch dich nicht ein –   4) Gib doch auf. Es bringt nichts –  5) Das schaffst du nie –  6) Du kannst das nicht –  7) Es ist hoffnungslos
Dann wird sie ermutigt und mit jeder Äusserung weiter aufgerichtet:
7) Hab Vertrauen und fasse Mut –  6) Du bist ein freier Mensch –  5) Steh zu deiner Meinung –  4)  Gib nicht auf, wir helfen dir –  3) Du hast Fähigkeiten, wir trauen es dir zu –  2) Du kannst das und du bist nicht alleine –  1)  Es gibt immer Hoffnung, wir stehen auf
(Eva Steiner)

Fasten gibt Kraft

Foto: www.sehen-und-handeln

«Wie – du isst nichts? Gar nichts? Nicht mal eine Suppe, die gute Nährstoffe drin hat? Und du arbeitest normal weiter? Das geht doch nicht, da klappt man doch zusammen!» Solche Reaktionen bekomme ich manchmal, wenn ich während meiner Fastenwoche das Kaffee ablehne und auch die Schokolade zum Tee.

Sobald der Körper mal umgestellt hat auf innere Ernährung, eröffnen sich ganz neue Kraftquellen. Ich stärke mich dann am wunderschönen Sonnenaufgang, wenn die Frühlingsblumen die Wiesenränder verzaubern, an einem guten Gespräch. Ich werde «gspüriger», dünnhäutiger, nehme Dinge wahr, an denen ich sonst achtlos vorbeigehe. Ich kann es sogar geniessen, wenn andere etwas Feines essen.

Ein Fastenprojekt muss sich aber nicht aufs Essen beschränken. Wem das nicht ganz geheuer ist, kann z.B. für eine gewisse Zeit die Pommes-Chips zum Film weglassen, das Handy mal ganz ausschalten oder über Mittag einen Spaziergang machen. Auf etwas Verzichten in unserer überfüllten Welt eröffnet neue Kraftquellen, von denen wir vorher nichts wussten.

Und es hilft anderen: jedesmal, wenn mich die alte Gewohnheit, auf die ich eigentlich verzichten wollte, wieder packt, schicke ich ein Gebet zum Himmel. Für mich, für meine Geliebten, für die Menschen in der Ukraine … und weiss mich so verbunden mit vielen Menschen auf der Welt, die dasselbe tun.

Die Kampagne von Fastenaktion und HEKS zur diesjährigen Zeit vor Ostern heisst: «Auf zu neuen Energiequellen». Genau darum geht es. Probieren Sie es doch aus!

Christine Sieber

Rose Ausländer „Im neuen Jahr“

Im neuen Jahr
grüsse ich
meine nahen und
die fremden Freunde
grüsse die
geliebten Toten
grüsse alle
Einsamen
grüsse die Künstler
die mit
Worten Bildern Tönen
mich beglücken
grüsse die
verschollenen Engel
grüsse mich selber
mit dem Zuruf
Mut

(es)

Das verschwundene Jesuskind

Foto: Team KGU

Die ganze Gemeinde war stolz auf die Weihnachtskrippe in ihrer Kirche. Denn alle hatten ihren Anteil zu der kunstvollen Bastelarbeit der Krippe beigetragen. Auch die Bemalung der lebendig wirkenden Figuren von Maria und Joseph, der Hirten und Könige, von Ochs und Eselein und den weißen wolligen Lämmchen, die sich zwischen den Hirten neugierig hinzudrängten, war Gemeinschaftswerk gewesen. Neben dem Eingang zur Höhle standen ein paar exotische Pflanzen, eine Zwergpalme, eine Aloe und ein paar blühende Kakteen. Über der Höhle leuchtete der Stern von Bethlehem. Das Innere der Höhle lag im Dunkel, aber in der Wölbung war eine Öffnung, durch die der helle Glanz des Sterns hereinstrahlte. Das Jesuskind in der Krippe war die Freude aller Kinder. Es lächelte so lieb und streckte seine Händchen aus, als wolle es sagen: »Lasst die Kindlein zu mir kommen. – Und sie kamen nur zu gern. Niemand hätte sich ein Weihnachtsfest ohne diese Krippe vorstellen können.
Und dann geschah das Unfassbare: Als der Pfarrer kurz nach Weihnachten durch das Kirchenschiff ging und dabei noch einen Blick auf die Krippe werfen wollte, kam ihm der Sigrist in heller Verzweiflung entgegen. Er stotterte vor Aufregung, »das Kind ist weg! Unser Jesuskind – aus der Krippe haben sie es gestohlen!« Der Pfarrer schüttelte ungläubig den Kopf. »Das gibt es in unserer Gemeinde nicht.« »Dann muss es jemand aus einer anderen Gemeinde sein, der neidisch auf unsere schöne Krippe war.« Auch das schien dem Pfarrer nicht einzuleuchten. Sie standen noch hinter einer Säule beeinander, als die Kirchentür sich öffnete und kurze eilige Schritte auf dem Steinboden widerhallten. »So unbekümmert tritt kein Dieb auf«, sagte sich der Pfarrer und neigte sich etwas vor, um den Eintretenden besser sehen zu können. Der Kleine, der da so selbstsicher, ohne nach links und rechts zu sehen, direkt auf die Krippe zulief, war ein etwa fünfjähriger Knabe aus dem Dorf. »Wie wird er erschrecken, wenn er die Krippe leer findet«, dachte der Pfarrer mit Bedauern. Aber was trug er im linken Arm, sorgfältig unter der Jacke versteckt? Ob er dem Jesuskind ein Spielzeug bringen wollte? – Schon manchmal hatte der Pfarrer bunte Murmeln und Bälle und Süssigkeiten gefunden, die Buben und Mädchen dem Kind in der Krippe wie einem kleinen Spielkameraden heimlich gebracht hatten. Aber was der Kleine jetzt unter der Jacke hervorholte, schien ein großes Spielzeug zu sein.
Er beugte sich über die leere Krippe und legte mit behutsam das Mitgebrachte hinein. Dann glättete er sorgfältig Stroh und Moos ringsum, und als er dabei zur Seite trat und den Blick auf die Krippe freigab, glaubte der Pfarrer seinen Augen nicht trauen zu dürfen – denn da lag vor ihm lächelnd, mit zärtlich ausgestreckten Händchen, das verschwundene Jesuskind. Nun wandte sich der Knabe zum Weggehen. Aber dann blickte er sich noch einmal um und nickte dem Kind in der Krippe so vertraut und lächelnd zu, wie einem guten Kameraden nach fröhlichem Spiel. Da stand der Pfarrer vor ihm. »Wie kommst du zu dem Jesulein?« fragte er erstaunt. »Wo hast du es gefunden? Oder wer hat es dir gegeben?« »Niemand hat es mir gegeben sagte der Bub, »ich habe es aus der Krippe genommen.« »Aber warum denn? Was hast du denn mit dem Jesuskind gemacht?« Jetzt wurde der Kleine verlegen und blickte scheu vor sich hin. Dann schaute er den Pfarrer treuherzig an und sagte: »Herr Pfarrer, das war nämlich so: Ich hätte so gern einen schönen Roller gehabt, weil ich doch so gern Roller fahren »Und hast keinen bekommen?« fragte der Pfarrer voll Bedauern. »Meiner Mutter war er zu teuer, erklärte der Bub, »und da hab ich mir vom Christkind einen gewünscht.« »Und das Christkind hat dir den Roller gebracht?« »O ja, Herr Pfarrer«, sein Gesichtchen strahlte. »Einen ganz wunderschönen Roller. Und ich bin so glücklich und dem lieben Christkind so dankbar. Ach, Herr Pfarrer, und da hab ich gedacht, wo doch alle Kinder so gern Roller fahren, würde es dem Christkind auch Freude machen, und weil ich ihm so dankbar bin, wollte ich ihm mal zeigen, wie schön es sich mit dem neuen Roller fahren lässt…« »Und da bist du mit dem Jesuskind Roller gefahren?« »Ja, Herr Pfarrer, jetzt eben in der schönen Mittagssonne. Drei Ehrenrunden hab ich mit ihm um die Kirche gemachte

Nach: Catbarina Bachem-Tonger, Aus: Wenn es wieder Weihnachten wird, TigrisVerlag, 1989

Fahren Sie weiter!

Als Lehrling ärgerte ich mich in der Vorweihnachtszeit über ein paar heuchlerische Zeilen des Bankdirektors, die zu Handen des Personals am internen Anschlagbrett für gute Stimmung sorgen sollten. Mein Ärger musste raus, und ich entdeckte die Kraft des Schreibens.

Ich verdichtete meinen Groll und fasste ihn zusammen in einem Gedicht. Wie gut das tat! Aber wo konnte ich das zeigen? Sicher nicht im Lehrbetrieb. Ich entschied mich für die Deutschlehrerin der Berufsschule. Sie steckte das Gedicht in ihre Mappe und bedankte sich tags drauf mit einem einzigen Satz: «Fahren Sie weiter mit Schreiben!» Was für eine tolle Ermutigung. Dieser eine Satz wurde zum nachhaltigen Weihnachts- und Lebensgeschenk. So etwas kann nur Sprache bewirken: «Wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen, so ist ein Wort geredet zur rechten Zeit.» (Sprichworte 25,11)

Adventszeit ist Lesezeit, Zeit für Sprache und Poesie. Im Jahresrückblick lässt sich Gutes erkennen und Schwieriges benennen. Ärger wird aus dem Herzen auf ein Blatt Papier gebannt. Freunde und Verwandte freuen sich über Post. Einsame und Trauernde erwarten tröstende Worte. Darum, liebe Leserin und lieber Leser, fahren Sie weiter mit Lesen, Schreiben, Ermutigen …!

Heinz Käser

Reben – Symbol der Hoffnung

Foto: Eva Steiner

Reben gehören zu den ältesten Kulturpflanzen auf der Erde, es gibt heute mehr als 16‘000 Sorten davon. In der Bibel beziehen sich einige der schönsten Stellen auf Weinberge und die Reben. Zwei davon möchte ich euch vorstellen:

In alten Zeiten war reich, wer einen Rebberge besass. Gleich mehrmals finden sich in den alten Gesetzbüchern Aufrufe zum Teilen. Als Beispiel nenne ich die Stellen im 5. Buch Mose: „Wenn du in den Weinberg eines andern kommst, darfst du so viel Trauben essen, wie du magst, bis du satt bist, nur darfst du nichts in ein Gefäß tun.“

“Wenn du in deinem Weinberg die Trauben geerntet hast, sollst du keine Nachlese halten. Sie soll den Fremden, Waisen und Witwen gehören.”

Natürlich ist das heute so nicht mehr möglich, weil wir viel mehr Menschen sind. Aber der tiefere Sinn des Teilens bleibt der gleiche.

Die zweite, bekannte Stelle steht im Johannesevangelium. Jesus sagt dort: “Ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebe. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.”  Zeitweise hat mich diese Stelle auch zu Widerspruch gereizt: Ich bin doch selbständig und brauche keinen Weinstock. Je länger je mehr sehe ich aber dieses Bild als Symbol dafür, dass da noch etwas ist, das über mich hinausreicht und mich stärkt und ermutigt wie der Saft aus den Reben.

Pfarrerin Eva Steiner

Schatten – und was der Himmel draus macht

Oktober und November sind Monate, die mir nicht besonders liegen. Nicht des Herbstes wegen – ich liebe das Farbenspiel der Blätter, die wunderbare Fernsicht und dass es am Morgen Reif auf den Feldern hat. Aber in diesen zwei Monaten wird beinahe das ganze nächste Jahr geplant, ich schleppe mich von Sitzung zu Sitzung, daneben läuft das inhaltliche Programm wie KUW, Gottesdienste, Seelsorge und Altersanlässe weiter. Jedes Jahr sucht mich der Planungskoller wieder heim! Da verstehe ich den Psalmbeter, der schreibt: «Mein Leben ist nur noch ein langer Schatten. Ja, ich fühle mich matt wie verdorrtes Gras.» (Psalm 102, 12) Denn Planen ist nicht meine Stärke, es nimmt mir Kraft und gibt keine zurück.

Kürzlich durfte ich am Morgen ein wunderbares Spiel von Wolken, Schatten und der herandämmernden Sonne erleben. Da wurde mir wieder deutlich bewusst, wie der Himmel aus Schatten ein wunderbares Schauspiel zaubern kann. Der Himmel – die Wolken und das Licht, das wir tatsächlich sehen und der Himmel – das, was ich mit dem Wort «Gott» verbinde. Der Himmel macht auch aus dunklen Schatten ein Leuchten, er stärkt uns durch alles Belastende hindurch. Danke!

Pfarrerin Christine Sieber