
Foto: Olivia Raval
Schon seit Kindertagen gehört der Ballenberg zu meinen Lieblingsausflugszielen. Weshalb ist gar nicht so einfach zu erklären. Es liegt an dem Gefühl, dass dieser Ort mir vermittelt. Daran, dass ich mich danach wie geerdet fühle, innerlich ruhig. Bleibt jedoch die Frage, an was das liegen mag. Eine mögliche Antwort hängt im Ballenberg selbst. Es gibt dort ein altes Sägewerk. Angetrieben vom Bach arbeitet sich die Säge gemächlich durch dicke Baumstämme, um sie in Bretter zu verwandeln. An der Wand dahinter hängt ein Schild, dass mich bei jedem Besuch ins Grübeln bringt. Darauf ist zu lesen: Es wurde alles schneller damit mehr Zeit ist. Es ist immer weniger Zeit.
Es erinnert mich auch immer an eine Begegnung während einer Reise nach Südostasien. Vor Jahren kamen wir dort auf einer Wanderung an zwei Männern vorbei. Sie sassen im Gras und machten gerade Pause. Zwischen ihnen ein Baumstamm und eine Säge. Eine Zweimannsäge, mit je einem Griff pro Seite, die, wie der Name schon sagt, nur zu zweit bedienbar ist. Und mit dieser Säge arbeiteten sich die beiden Männer Zentimeter für Zentimeter von Hand durch den Baumstamm, und zwar längs. Aus den Brettern, verriet uns der Guide, der mit ihnen ins Gespräch gekommen war, würden sie ein Boot machen. Ähnlich dem, in welchem wir zuvor einen Fluss überquert hatten. Eine langwierige und mühselige Arbeit. Doch auch eine mit Zeit für Pausen. Mit Zeit für Gespräche mit vorbeikommenden Wanderern. Und eine, bei der man das langsame Werden mit allen Sinnen wahrnehmen konnte. Bis zum fertigen Boot.
Etwas, was wir heute kaum noch kennen. Was wir an einem Tag per Klick bestellen, halten wir am nächsten fixfertig in den Händen. Die Schritte dazwischen? Verschwunden oder zumindest nicht mehr wahrnehmbar. Doch haben wir deswegen mehr Zeit, um mit dem Boot über den Fluss zu fahren?
Es wurde alles schneller. Ja. Doch mehr Zeit bleibt uns nicht.
Schnelligkeit schenkt uns nicht mehr Zeit. Weil sie die Zeit auffrisst. Weil sie uns nicht mehr loslässt, sondern uns vor sich hertreibt in allen Bereichen unseres Lebens. Sie hält uns umklammert bis wir vor Erschöpfung zusammenbrechen.
Deshalb mag ich wohl den Ballenberg so sehr. Jede Ecke atmet Langsamkeit. Und in dieser Langsamkeit bleibt allen meinen Sinnen Zeit das alltägliche Werden wahrzunehmen. Eine Verbindung herzustellen mit der Welt um mich herum in diesem einen Moment, statt vor ihr davon zu rennen in der Hoffnung auf mehr Zeit. Denn mehr Zeit als den Augenblick gib es nicht.
Pfrn. Olivia Raval, Unterseen