Das Taschentuch-Prinzip oder was wir nicht vergessen sollten

Foto: Heinz Käser

Ich hatte Freunde eingeladen und vergessen, den Termin im Kalender einzutragen. Sie kamen mit Geschenken – und ich war nicht zu Hause. Es tat mir leid! Mutig hatte ich eine Projektgruppe ins Leben gerufen und vergass die erste Sitzung. Eine Sitzung, die ich hätte leiten müssen. Die Welt ging nicht unter, im Team waren selbständig denkende Menschen. Trotzdem sollte das nicht zur Gewohnheit werden.

Darum führe ich eine doppelte Agenda. Für besondere Termine richte ich einen Alarm ein. Und weil ich zur alten Schule gehöre, verknote ich unterwegs ein Taschentuch, wenn mir etwas Wichtiges einfällt oder beschreibe mit einem Kuli die Handfläche. Beim Frühstück kontrolliere ich den Geburtstagskalender, und wenn die Butter ausgeht, ergänze ich den Einkaufszettel. Schliesslich fülle ich vor dem Einschlafen ein paar Post-it-Zettel aus, damit ich tags drauf an alles Nötige denke. Mein Leben: eine ausgefeilte Erinnerungsstrategie mit gelegentlichen Schwächen …?

Im Februar war ich drei Wochen in Berlin. Täglich stieg ich am Nordbahnhof die Treppe hoch zum Arbeitsplatz. Und dann entdeckte ich plötzlich auf einer Treppenstufe ein kleines weisses Feld, schwarz beschriftet: «Jesus nicht vergessen.» Zunächst störte mich der Imperativ, und ich murmelte: «Danke, Jesus, dass du mich nicht vergisst.» Und weil ich in Berlin Geburtstag feiern konnte, dachte ich an die 22’300 Lebenstage, die mir der Schöpfer geschenkt hat und an über zwei Milliarden Herzschläge, die meinen Körper in 61 Jahren durchpulst haben. Dankbar hielt ich fest: Mein Leben – ein Geschenk …!

Heinz Käser, Sozialdiakon