Ferienzeit – Hängemattenzeit

Foto: Eva Steiner

Immer und überall wird gesagt, wie wichtig das Nichtstun ist. Ich tue mich schwer damit. Mir kommt dabei ständig etwas in den Sinn, was ich noch schnell erledigen sollte.

Dabei glaube ich auch, dass es gut tut. Einfach in die Hängematte liegen, den Wolken zuschauen und die Gedanken schweifen lassen – über Gott und die Welt. Vielleicht gelingt es sogar, nicht mehr allzu viel zu denken. Dazu haben wir jetzt die Möglichkeit. Und für diejenigen, die keine Ferien haben: Nichts tun ist auch am Wochenende oder nach der Arbeit möglich. Wir müssen uns einfach Zeit dafür gönnen!

Auch der Blog verabschiedet sich jetzt in die Ferienzeit. Wir melden uns wieder zum Schuljahresbeginn und wünschen Ihnen allen alles Gute und Gottes Segen.  (es)

Die rote Büroklammer

Foto: Heinz Käser

Ein arbeitsloser Kanadier hat im Internet eine rote Büroklammer zum Tausch angeboten. Er tauschte sie gegen einen fischförmigen Stift und schrieb den erworbenen Stift zum nächsten Tausch aus. Ein Jahr und 14 Tauschgeschäfte später konnte er ein frisch renoviertes Haus erwerben. Diese unglaubliche Tauschaktion hat der Blogger Kyle MacDonald  in seinem Buch «One Red Paper Clip» niedergeschrieben, das unter diesem Titel auch deutsch erschienen ist. Heute wohnt MacDonald mit seiner Freundin in jenem Haus, das ihm die 14. Tauschaktion einbrachte. Was für ein Glückspilz!

Weit weniger erfolgreich scheint im Märchen der Gebrüder Grimm «Hans im Glück» zu tauschen. In fünf Tauschgeschäften veräussert er einen Goldklumpen zu einem wertlosen Schleif- und Feldstein. Trotzdem bleibt Hans jederzeit im Glück. Nach dem fünften und letzten Tausch leuchten seine Augen vor Freude: «Ich muss in einer Glückshaut geboren sein», ruft er aus, «… alles, was ich wünsche, trifft mir ein wie einem Sonntagskind.» Hans ist auf dem Heimweg. Er läuft dem Glitzerstein Erfolg nicht mehr hinterher und hat er seine Seele nicht an den Reichtum verkauft. Deshalb wird er weder Gold noch Geld nach Hause bringen. Hans bringt sich selber heim – gesund und ganz, mit frohem Herzen.

Zwei Tauschgeschichten, die zwei Menschen auf unterschiedliche Weise ins Glück führen. Der Reformator Martin Luther umschreibt den Glauben mit einem «fröhlichen Tausch und Wechsel». Gott lädt uns ein zum fröhlichen Tauschen: Wir bringen Lasten und Mühen – Gott schenkt Frieden. «Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet. Ich werde euch Frieden geben.» (Matthäus 11,28)

Heinz Käser

PS: Die rote Büroklammer oben auf dem Bild würde ich zum Tausch anbieten. Sie sieht gewöhnlich aus, aber in ihr steckt das (Tausch-)Potential eines frisch renovierten Hauses. Wer macht ein Angebot …?

Vogelnest

Foto: Christine Sieber

Im Frühling hatte ich die Amsel emsig Nistmaterial sammeln sehen: feine Zweige, nasses, halb verfaultes Gras, Moos. Vor allem über das verfaulende Gras wunderte ich mich, es sah sehr unappetitlich aus. Daraus konnte doch unmöglich ein gutes Nest entstehen? Später sammelte die Amsel eifrig Würmer, noch später zeterte sie im Garten herum, als ihre Jungen flügge wurden und mehr schlecht als recht ihre ersten Flugversuche starteten. Beim Schneiden der Hecke habe ich dann das Nest gefunden: wunderschön gewoben aus dem gesammelten Material. Das halb verfaulte Material hatte als Fundament und «Mörtel» gedient. Ein Kunstwerk! Ich staune immer wieder, wie Vögel nur mit ihrem Schnabel solche Gebilde bauen können.

Die Natur hat eine perfekte Kreislauf-Wirtschaft: alles wird (wieder-)verwendet, aus unappetitlichem, fauligem Material wird der Mörtel, der das kunstvolle Nest zusammenhält. Die Amsel hat «Upcycling» betrieben, sie hat aus etwas scheinbar Wertlosem etwas Neues, Wunderbares gemacht. Das nächste Mal, wenn ich jemanden etwas tun sehe, das ich nicht verstehe, denke ich an die Amsel und das Vogelnest: aus etwas Unverständlichem, Unappetitlichem kann etwas Wunderschönes und Kunstvolles werden! (cs)

Schätze suchen und finden

Foto: Andreas Stix/pixelio.de

«I bi ne Ämmitaler …», heisst es im Lied. Ich bin es auch. Nicht nur im Lied. Ob ich dessen stolz bin, weiss ich nicht. Im Alter von vier Jahren musste ich Abschied nehmen von der lieben Heimat und wurde mit der Familie ins Berner Seeland verpflanzt . Fortan verbrachte ich meine Ferien im Emmental auf dem Bauernhof der Grosseltern. Grossmutter inspirierte mich mit ihren Geschichten.

Ich war ca. sieben Jahre alt, als sie mir erzählte, dass im Emmental etliche Bauern während der Kriegsjahre aus Angst vor dem nahenden Feind ihr Erspartes im Wald oder unter einem Baum vergruben. Nicht ohne zu vermerken, dass viele nach Kriegsende ihr Geld trotz intensiver Suche nie mehr gefunden hätten. Dank dieser Geschichte ging ich fortan als «Schatzsucher» durchs Leben und verbrachte meine Ferien noch häufiger im Emmental.

Trotz Ackern und Graben habe ich nie Bares gefunden. Dennoch: das gute Verhältnis zur Herkunft ist ein Schatz wert. Grossmutters Geschichten sind es auch – insbesondere ihre Inspiration, dass es im Leben mehr zu entdecken gibt als nur im sichtbaren Bereich.  So verstehe ich die Himmelreichsgeschichten von Jesus, wenn er das Motiv des Schätzefindens aufgreift und uns damit zu eigenen Entdeckungen ermutigt:

«Das Himmelreich ist wie ein verborgener Schatz, den ein Mensch in einem Acker entdeckte und wieder vergrub. In seiner Freude verkaufte er sein gesamtes Hab und Gut und kaufte dafür den Acker mit dem Schatz.»  (Matthäus 13,44)

(hk)

Schwarz – Weiss

Foto: Eva Steiner

Diese Zeit ist für alle Menschen schwierig.
Das höre ich hie und da. Leider ist sie für diejenigen, die sowieso schon belastet sind noch schwieriger.

Dass dabei die Hautfarbe immer noch eine Rolle spielt, beschäftigt mich. Besonders deutlich wird dies dieser Tage in den USA. Dass gewaltätige Polizisten und der Präsident noch Öl ins Feuer giessen, finde ich schlimm.

Es ist wichtig, öffentlich dafür ein zu stehen, dass alle Menschen gleichwertig sind. Jemand hat geschrieben, dass der amerikanische Präsident anstatt mit der Bibel zu posieren, diese besser einmal öffnen und darin lesen sollte. Ich wünschte mir, dass er dann den Galaterbrief aufschlagen würde: „Es spielt keine Rolle mehr, ob ihr Juden seid oder Griechen, unfreie Diener oder freie Menschen, Männer oder Frauen. Denn durch eure Verbindung mit Christus Jesus seid ihr alle wie ein Mensch geworden.“ Es darf auch keine Rolle mehr spielen, ob wir eine dunkle oder eine helle Hautfarbe haben. (es)

Der Liebe Geist

Foto: Pixabay

Auf Erden gehest du
und bist der Erde Geist;
Die Erd erkennt dich nicht,
die dich mit Strahlen preist.

Auf Sonnen stehest du
und bist der Sonne Geist;
Die Sonn erkennt dich nicht,
die dich mit Strahlen preist.

Im Winde wehest du
und bist der Lüfte Geist;
Die Luft erkennt dich nicht,
die dich mit Atmen preist.

Auf Wassern gehest du
und bist der Wassers Geist;
Dass Wasser kennt dich nicht,
das dich mit Rauschen preist.

Im Herzen stehest du
und bist der Liebe Geist;
Und dich erkennt das Herz,
das dich mit Liebe preist.

Der Autor dieser Verse Friedrich Rückert (1788 – 1866) galt zeitlebens als Sprachgenie. Deshalb passt sein Gedicht auch gut zu Pfingsten, dem Fest, an dem die Kirche das Kommen des Heiligen Geistes zu den Jüngerinnen und Jünger Jesu feiert. Dessen Wirkung war nämlich ebenso spektakulär wie begeisternd: es wird berichtet, dass die zuvor noch von Angst und Trauer gelähmten Menschen sofort begannen, die Gute Nachricht von der Auferstehung des Christus zu verkünden – und das in den verschiedensten Sprachen! Ja, der Heilige Geist verleiht Menschen vorher ungenutzte Kräfte und setzt bisher unentdeckte Talente frei. Ja, Gott selbst bricht innere Schranken auf und überwindet äussere Grenzen.

Der Dichter lenkt aber unsere Aufmerksamkeit auf einen weiteren Aspekt des Wirkens des Heiligen Geistes: in den letzten Wochen war die Kraft Gottes als Liebe zueinander eindrücklich zu spüren. Sie hat Menschen unspektakulär, und deshalb umso wertvoller, untereinander verbunden. Sie hat Menschen behutsam, und deshalb umso bestärkender, auf dem Weg zu einer neuen Normalität unterstützt. Sie hat Menschen zuversichtlich, und deshalb umso liebevoller, geöffnet für eine hoffentlich begeisterte Zukunft.

So wünsche ich Ihnen und uns allen ein inspirierendes und tröstliches Pfingstfest. Seien Sie begeistert und behütet! (hc)



Begeisterungsstürme schon vor Pfingsten

Foto: Christine Sieber

An Pfingsten wieder Gottesdienst in der Kirche feiern? Falls es klappt, freue ich mich unbändig! Endlich wieder zusammen feiern! Aber wie wird es sein? Ohne Gesang? Mit viel Abstand? Wird da ein Gemeinschaftsgefühl aufkommen?

In den Tagen des Lockdown haben wir viel Gemeinschaft erlebt, viele positive Echos erhalten auf unsere Bemühungen, mit den Menschen der Kirchgemeinde in Kontakt zu bleiben. Wie wird Kirche in Zukunft aussehen? Werden wir digitale Angebote weiterführen? Noch sind viele Fragen offen, noch ist die Corona-Krise nicht ausgestanden. Aber es gibt Licht am Horizont. Lassen wir zu, dass sich unsere Gedanken hoffnungsvoll in die Luft schwingen, zu neuen Horizonten! Lasst uns nicht einfach zurückkehren zum Alten, sondern auch Neues mitnehmen! Und lassen wir die Geistkraft Gottes schon jetzt wirken, damit wir nicht abstürzen, sondern mit Bette Midler singen können: «You are the wind beneath my wings» – du bist der Wind unter meinen Flügeln.

cs

„Neustart“

Schulanlage Steindler, Foto: Eva Steiner

Ich bin froh, dass die Schule wieder beginnt! Obwohl es Eltern gibt, die ihre Sprösslinge gerne selber unterrichten, ist es für die meisten keine einfache Aufgabe. Zudem gibt es Eltern, die arbeiten müssen und am Abend müde noch mit vielleicht unmotivierten Kindern hinter die Schule zu sitzen, ist eine Überforderung. Fremdsprachige Familien haben es besonders schwer. 

Aber die ungleichen Lernchancen sind das eine, das andere ist die fehlende Gemeinschaft. Zudem  ist die Schule ein Lernfeld, um auf gute Art miteinander umzugehen. „Wohl dem Menschen, der Weisheit gefunden, der Einsicht gewonnen hat. Denn sie zu erwerben ist besser als Silber, sie zu gewinnen ist besser als Gold.” Dieser Spruch steht in der Bibel, im Buch der Sprichwörter. Ich behaupte, dass in der Schule neben der Familie und dem Freundeskreis der Anfang gelegt wird für spätere Weisheit. Neben Wissen vermittelt die Schule Lebenserfahrung. Viel positive, manchmal auch schwierige, an der wir hoffentlich wachsen können. Ich wünsche allen jungen Menschen einen guten Neustart in der Schule und natürlich auch in der kirchlichen Unterweisung. (es)

„Des Tages Jammer“

Foto: Pixabay

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweigt,
und aus den Wiesen steiget
der weisse Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

Reformiertes Gesangbuch Nr. 599

„Grossmueti, was isch „des Tages Jammer“?“ tönt leise die Stimme eines vierjährigen Mädchens beim Zubettgehen im Familienskilager. Ja, ein Liedtext, der vor über 250 Jahren gedichtet wurde, ist Kindern heute fast so unverständlich als wäre er in einer Fremdsprache verfasst.

Dafür sind die Gedanken und Gefühle, die in der altbekannt tröstlichen Melodie zum Ausdruck kommen, auch heutigen kleinen (und GROSSEN!) Menschen wohl vertraut. Ja, was ist „des Tages Jammer“? Wir alle leben doch mit kleinen (und GROSSEN!) Sorgen, mit Lasten, die unseren Alltag beschweren, mit Ängsten, die wir mit uns herumtragen. Jetzt mehr denn je. Manche wissen, andere spüren so zum Beispiel in diesen Vollmondtagen instinktiv, dass die Schöpfung uns noch lange nicht alle ihre teils auch fürchterliche Geheimnisse preisgegeben hat. Jetzt mehr denn je!

Auch der Trost, der uns gemäss dem Lied das Gebet oder ein Spaziergang bei Mondschein zukommen lassen kann, ist eine zeitlose Botschaft: So endet das Lied mit der Bitte, dass wir doch ruhig schlafen mögen „und unsern kranken Nachbarn auch.“

In diesem Sinne: gute Nacht! Seien Sie behütet. (hc)

Zweifler willkommen!

Bildlegende:
Thomas, der Jünger.
Im Münster von Freiburg i.Br.

Ostern ging an ihm völlig vorbei. Während die einen riefen: «Christus ist auferstanden …!», und die anderen bekannten: «… er ist wahrhaftig auferstanden!», blieb er stumm. Der Jünger Thomas war nicht bereit nachzuplappern, was andere glaubten und erlebt hatten. «Bevor ich so etwas Unglaubliches glauben werde, brauche ich selber eine Begegnung mit dem Auferstandenen. Ich werde nur glauben, wenn ich ihn selber sehe.» Damit konnte Thomas in der Kirchengeschichte keine Lorbeeren ernten. Fortan wurde ihm ein unschöner «Schlämperlig» angehängt: «Thomas der Zweifler».

Und dann sah ich ihn 2000 Jahre später, den Mann mit dem «Schlämperlig». Im Münster von Freiburg in Breisgau steht er prominent an vorderster Front. Vom Eingangsbereich bis zum Altar wurden im Mittelgang meterhoch die Jünger Jesu als sogenannte Säulenapostel platziert. Ganz zuvorderst steht Jesus. Und ihm gegenüber hat es nur Platz für einen Jünger. Und dort steht nicht etwa Simon Petrus als Sprecher der Jüngergruppe oder Johannes, der Lieblingsjünger von Jesus. Gegenüber von Jesus steht Thomas. Im linken Arm hält Thomas die geschlossene Bibel. Zaghaft streckt er den rechten Arm aus und möchte Jesus berühren.

Was die Baumeister des Freiburger Münsters sagen wollen, liegt auf der Hand: Bei Gott sind wir willkommen – mit unseren Zweifeln. (hk)